Wissenswertes zur Federungstechnik

Es gibt verschiedene Systeme, wie ein Fahrrad gefedert werden kann, am bekanntesten sind die Eingelenker (davon prominetester Vertreter: Cannondale) und die Viergelenker (Specialized). Viele bezeichnen fälschlicherweise auch Eingelenker mit Umlenkhebel als Viergelenker (hier ist das bekannteste Fahrrad wohl das Rocky Mountain Element). Eingelenker haben einen festen Drehpunkt, um den sich das Hinterrad während des Einfederns dreht, und echte Viergelenker haben einen sogenannten "virtuellen Drehpunkt", der während des Einfederns wandert, so dass das Hinterrad keine Kreisbewegung beschreibt, während es einfedert.

Der Drehpunkt ist entscheidend für die Anfälligkeit des Federsystems auf unregelmässige Kettenzugkräfte, wie sie beim Pedalieren zwangsläufig durch die Umsetzung translatorischer in rotatorische Bewegungen entstehen. Natürlich spielt der "runde Tritt" eines Radfahrers die Hauptrolle, aber diesen kann der Fahrradkonstrukteur leider nicht in sein Rad einbauen. Erschwerend kommt hinzu, dass die klassische Kettenschaltung für jede Übersetzung einen anderen Drehpunkt haben sollte. Jede Konstruktion ist also lediglich eine Annäherung an den Idealzustand. Je mehr Federweg eine Konstruktion hat, desto anfälliger wird das System zum Wippen.

Technisch gesehen haben Eingelenker den Vorteil, dass sie mit nur einem Lagerblock (abgesehen von den Lagern am Dämpfer, die es bei jeder Konstruktion gibt) auskommen, man kann diesen entsprechend grosszügig Dimensionieren und hat damit i.d.R. keine Haltbarkeitsprobleme. Ein Viergelenker ist bei gleicher Langlebigkeit zwangläufig schwerer. Ausserdem hat er das Problem, dass aus konstruktionstechnischen Gründen die Lager nicht alle so gut fluchten, deshalb entsteht etwas mehr Reibung und höherer Verschleiss. Vor allem bei grösseren Federwegen (ab ca. 120mm) kann der Viergelenker seinen Vorteil des virtuellen Drehpunktes ausspielen, er ist weniger anfällig auf unruhige Tretbewegungen, ergo wippt der Viergelenker etwas weniger. (Ob das in der Praxis wirklich spürbar ist, wage ich zu bezweifeln; zu verschieden sind die Konzepte der jeweiligen Hersteller, als dass sie wirklich auf ein- und derselben Theorie basieren könnten, und trotzdem haben sich viele dieser theoretisch widersprüchlichen Konzepte in der Praxis bewährt.)

Letztlich muss der Konstrukteur entscheiden, wie wichtig ihm welche Eigenschaften sind, um einen Rahmen besser als Ein- oder als Viergelenker auszulegen. Ich bin etwas skeptisch, was lange Federwege anbelangt, denn für die meisten Fahrer bringen sie nur Nachteile, deshalb tendiere ich nach wie vor zum Eingelenker. Wenn eine Federung mit viel Federweg - egal ob Ein- oder Viergelenker - sensibel abgestimmt ist, neigt sie zum Wippen, bei optimal platziertem Drehpunk zwar etwas weniger, aber das Problem ist trotzdem vorhanden. Ein Mensch kann einfach nicht so ruhig auf dem Rad sitzen, als dass es keinen Einfluss auf die Federung gäbe.

Man versucht deshalb mit den sogenannten "Plattform"-Dämpfern, dieses Problem in den Griff zu kriegen. Ich frage mich nur, wieso man an einem Rad erst massig Federweg einbaut (was ein Fahrrad zwangläufig auch schwerer macht), um ihm dann einen Dämpfer zu spendieren, welcher diesen Federweg wieder so arbeiten lässt, als wäre es ein normales Rad mit weniger Federweg. Ausser für einige ganz grosse Löcher im Boden bringt das nichts, sogar eher Nachteile, weil die Federung nämlich nicht mehr so sensibel ist. Selbst die für ihre ansonsten nicht gerade kritischen Äusserungen bekannten Zeitschriften "bike" und "mountain bike" haben im direkten Vergleich der Systeme bekannt, dass es eigentlich keinen wirklichen Vorteil mit Plattform-Dämpfern gibt. Das stufenlose Verstellen oder die komplette Abschaltbarkeit, wie sie von einigen Herstellern angeboten werden, können die Nachteile sicher minimieren, allerdings stellt sich auch hier die Frage, ob man damit nicht ständig Technik spazieren fährt, die man im praktischen Betrieb doch kaum je nützt.

Es stellt sich die entscheidende Frage: Wie viel Federweg und wie viel Technik will und brauche ich? Absenkbare Gabeln und verstellbare Dämpfer sind zwar praktisch, aber will man vor jeder Abfahrt und vor jedem Aufstieg an der Gabel, am Dämpfer rumschrauben? Wenn sich neue Technik im Langzeitbetrieb bewährt, werde ich sie sicher gerne übernehmen. Vorläufig sind aber bei fast allen Systemen die Vor- und Nachteile in etwas gleich gross, so dass ich im Zweifelsfall lieber bei der konservativeren, aber bewährten Lösung bleibe.

Mehr dazu auch unter "Wissenswertes über Federwege"